Mit dem Slogan Girls will be Girls hißt Kerstin Kary ihre Punk-Portraits wie Flaggen. Zugleich
illustriert Karys Ausstellungstitel die gnädige Aussage, daß Jungs in allem was sie dürfen
immer Jungs sein können, durch die herabsetzende Erfahrung, daß Mädchen in allem was sie
fordern immer Mädchen sein müssen.
Was für Boys typisch sein soll, z.B. sich als Musiker eine Bühne zu verschaffen, wird unter
dem Mißgriff Untypical Girls in einer englischen Publikation als weibliches Pendant zum
männlichen Vorbild gefeiert. Das Gütesiegel untypical ist ebenso fragwürdig wie das
dümmliche Zertifikat von der "starken Frau", denn es setzt ihr schwaches Geschlecht voraus.
Es setzt voraus, daß für Frauen das Typische nur in der Abweichung von der Norm zu
beanspruchen ist. Und selbst dies ist nicht gewiß: Als die New York Dolls geschminkt und in
Frauenkleidern den kalkulierten Skandal provozierten, hatte dieser natürlich Coolness-
Potential. Die Frauen der Westberliner Postpunk- Band Mania D dagegen waren
"Männerfotzen", als sie es wagten, in Herrenanzügen aufzutreten. Wenn Punk eine Revolution
war, so fraß sie ihre Frauen. Das war jedoch nur möglich, weil Frauen überhaupt einen
entscheidenden Anteil an der Punkrevolte hatten.
Es gab keine Jugendbewegung, nicht davor und auch nicht sehr viel später, in der Mädchen
und Frauen derart präsent waren und entfesselt durch eine Männerdomäne tobten. Bevor das
Label riot grrrls dem Aufstand überhaupt einen Namen gab und die Band Pussy Riot auch den
Altar des Schmerzensmannes zur Bühne ihrer weiblichen Daseinsfreude erkor, enterten
sogenannte Frontfrauen die Bretter, die die Männerwelt bedeuteten. Nun standen sie vor den
Bands, nicht aber als backing vocals hinter den Stars.
Auf typisch weibliche Art, daher auch radikal, traten sie in die eigenen Fußstapfen. Denn die
Abdrücke der Männer waren ihnen nicht zu groß, sondern vermutlich zu ausgelatscht.
Kerstin Karys Malerei ist oft reiner Ausdruck ihrer Hingabe an die Musik. In ihrer aktuellen
Bilderserie portraitiert sie Frauen des Punk. Setzt sie ihnen damit ein Denkmal? Wohl kaum.
Der Dinge und Menschen gedenkt man erst dann, wenn sie Geschichte sind. Punk is dead,
aber quicklebendig. Punkrock bleibt ein Synonym für Entgrenzung, Punk-Girls sprengten,
neben den obligatorischen Grenzen, zudem auch noch den Rahmen der Geschlechter-
Konvention. Daher sind Kerstin Karys Punk-Girls, egal in welchem Format, immer lebensgroß.